Bierbewerter

Während Tania sich auf Spitzbergen während eines Gewerkschaftsseminars ein wenig Polarluft um die Nase wehen ließ, war ich am Dienstag- und Mittwochabend zum ersten Mal als frischgebackener Heimbraubierwettbewerbsschiedsrichter (dieses Wort lieben wir einfach — auf Englisch bzw. Norwegisch sagt man einfach beer judge oder øldommer) im Einsatz. Zur Zeit läuft gerade die norwegische Heimbraumeistermeisterschaft, bei der die hiesigen Heimbrauer ihre selbstgebrauten Biere zur Begutachtung einschicken können. In diesem Jahr werden die Biere in 13 Über- und 70 Unterklassen bewertet.

Heimbrauwettbewerbsschiedsrichter bei der Arbeit

Heimbrauwettbewerbsschiedsrichter bei der Arbeit

Erstmals werden auch Biere in Stavanger evaluiert, nachdem es nun auch hier examinierte Heimbraubierwettbewerbsschiedsrichter gibt. In Stavanger geht es um die Klasse „Helles Ale”, in der es neun Unterklassen gibt, z.B. Englisches Bitter, Amerikanisches Pale Ale, Kölsch, Irisches Rotbier oder Amerikanisches Amber Ale. Rund sechzig Heimbrauer haben ihre Kreationen per Post nach Stavanger geschickt, je Teilnehmer drei Flaschen à 0,33 l.

Am Montagabend ging es zunächst um die Amerikanischen Pale Ales — dieser Stil ist bei Heimbrauern sehr beliebt; entsprechend viele teilnehmende Biere gab es. In zwei Dreiergruppen bewerteten wir die sechzehn eingeschickten Biere dieser Klasse. Dabei bekommt jeder Schiedsrichter je Bier ca. 0,1 l zum Probieren — das muss reichen.

Am Dienstagabend war ich bei der Bewertung der Klassen Kölsch, Irisches Rotbier (ein bekannter kommerzieller Vertreter ist z.B. Kilkenny) sowie Dampfbier beteiligt.

Und worum geht es dabei? Für jeden Bierstil gibt es genau festgelegte Kriterien, wie Aroma, Aussehen, Geschmack und Mundgefühl beschaffen sein müssen, und anhand dieser Kriterien müssen wir die Biere bewerten. Es geht also nicht darum, ob mir persönlich ein Bier schmeckt oder nicht, sondern darum, wie gut ein Bier zu diesen Kriterien passt. Hört sich vielleicht kompliziert an, ist es aber gar nicht. Wenn man viele verschiedene Stile vorher schon mal bewusst getrunken hat und eventuell auch gebraut hat, ist es gar nicht so schwer, die guten von den schlechten Bieren zu unterscheiden.

Aus jeder Probierrunde werden 1-2 Biere weitergeschickt in die nächste Finalrunde; dort treffen dann also die besten Biere aus den jeweiligen Unterklassen aufeinander. Am Ende wird dann in Stavanger der Gewinner der Klasse „Helles Ale” gekürt. Dieses Bier trifft dann im abschließenden Finale, das in diesem Jahr in Bergen stattfindet, auf die Gewinner der zwölf anderen Klassen, die in den anderen Städten Norwegens ermittelt wurden. Der Sieger darf sich dann „Heimbrauer des Jahres 2015” nennen, und das Siegerbier wird von Norwegens größter Mikrobrauerei, Nøgne Ø, kommerziell gebraut und im Prinzip weltweit vermarktet.

Ein zweiter Aspekt neben der Bewertung der Biere ist dem Heimbrauer Tipps zu geben, wie das jeweilige Bier u.U. zu verbessern ist; hier sind also konkrete Hinweise zum Brau- oder Gärprozess gefragt. Dieser Teil ist allerdings schwierig zu bewerkstelligen, da wir als Heimbrauschiedsrichter das Rezept und Brauverfahren nicht kennen, so dass wir nur allgemeine Hinweise geben können.

The empire strikes back…

Nachdem das sogenannte Handwerksbier oder Craft Beer allem Anschein nach auch in Deutschland immer beliebter wird, sehen auch die industriellen Brauereien, dass es einen Markt gibt für geschmackvollere Biere abseits von „Ideal Standard”. Meine Eltern wiesen mich darauf hin, dass vor kurzem drei neue Beck’s-Sorten auf den Markt gekommen sind. Ich habe mir gleich die entsprechenden Informationen bei becks.de angesehen. So gibt es jetzt „Beck’s 1873 Pils”, bei dem sich die Brauer „vom Geschmack des ersten Beck’s” inspirieren ließen — da wird man dann vermutlich erkennen, wie gut das Bier einstmals gewesen ist und welche Plörre uns heutzutage angedreht wird. Zum neuen Beck’s Pale Ale ist zu lesen, dass es „charaktervoll und intensiv hopfig” sei und den „Geschmack Englands” habe. Interessanterweise wird bei diesem Bier die Hopfensorte Cascade verwendet, die in den USA gezüchtet wurde und geradezu der Signaturhopfen für eben amerikanische Pale Ales ist. Drittes Bier im Bunde ist das Beck’s Amber Lager, das ein Bier „mit dem Gefühl Australiens” sein soll, was immer das auch heißen mag.

Nun gut, Marketinggedöns halt, wenn die Biere ansonsten gut schmecken, ist ja alles in Ordnung, und es ist der Beweis erbracht, dass auch die großen Brauereien können, wenn sie nur wollen.

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